Sei Du selbst – aber wer ist das eigentlich?
„Sei einfach Du selbst.“
Ein schöner Satz. Und gleichzeitig einer, bei dem ich mich frage: Wer ist dieses „Du“ eigentlich?
Bin ich der Mensch, der ich heute bin? Der, der ich vor zehn oder zwanzig Jahren war? Bin ich das, was meine Eltern mir mitgegeben haben? Das, was Schule, Beruf und Gesellschaft aus mir gemacht haben? Meine Erfahrungen, meine Überzeugungen, meine Rollen?
Oder steckt unter all dem noch etwas anderes? Etwas, das schon lange da ist und nur darauf wartet, mehr gelebt zu werden?
Wie viel davon bin wirklich ich?
Geprägt, aber nicht festgelegt
Wir alle werden geprägt: von unserer Familie, unserem Umfeld, unserer Kultur, unseren Erfahrungen. Früh lernen wir, was „man“ macht, was vernünftig ist, was erfolgreich ist, was sich gehört und wie ein gelungenes Leben auszusehen hat.
Daran ist zunächst nichts falsch. Wir brauchen Orientierung und Zugehörigkeit. Aber irgendwann dürfen wir anfangen zu fragen: Passt das eigentlich noch zu mir? Will ich wirklich so leben – oder lebe ich manches nur deshalb, weil ich es irgendwann übernommen habe?
Das eigene Leben beginnt vielleicht genau dort, wo wir den Mut haben, diese Fragen zuzulassen.
Wenn ich niemandem etwas beweisen müsste
Eine Frage trage ich dabei besonders gern mit mir herum: Wie würde ich leben, wenn ich niemandem etwas beweisen müsste?
Was würde ich tun? Wie würde ich meine Zeit verbringen? Welche Menschen würde ich um mich haben? Was würde ich endlich beginnen – und was lassen?
Natürlich leben wir nicht allein auf einer Insel. Wir dürfen Rücksicht nehmen, uns verändern, Kompromisse eingehen und Verantwortung übernehmen. „Ich bin eben so“ ist keine Entschuldigung, rücksichtslos durchs Leben zu gehen. Aber zwischen Rücksichtnahme und Selbstverleugnung liegt ein ziemlich großer Raum. Und den dürfen wir wieder stärker für uns entdecken.
Ich persönlich gehe jedenfalls gern mal als „komischer Kauz“ durch. 😉 Lieber ein bisschen eigen und dafür echt als perfekt angepasst an ein Leben, das gar nicht meines ist.
Du selbst sein heißt nicht, derselbe bleiben
Ich selbst zu sein bedeutet nicht, für immer derselbe Mensch zu bleiben. Das wäre sogar ein Widerspruch. Ich möchte wachsen, lernen und neue Erfahrungen machen. Ich möchte Dinge, von denen ich heute überzeugt bin, morgen noch einmal betrachten dürfen. Und mich immer wieder neu entdecken.
Aber nicht aus dem Gedanken heraus: Ich bin noch nicht gut genug. Nicht dieses ewige Höher, Schneller, Weiter. Nicht noch effizienter, erfolgreicher, disziplinierter, optimierter.
Ich muss gar nicht mehr werden. Ich darf vielmehr ablegen, was nicht zu mir gehört: Erwartungen anderer, alte Rollen, übernommene Glaubenssätze, das Bedürfnis, jedem zu gefallen, die Angst davor, anders zu sein. Schicht für Schicht – und darunter kommt kein völlig neuer Mensch zum Vorschein, sondern einfach: mehr von mir. Nicht perfekter. Wahrhaftiger.
Oft heißt es: „Werde die beste Version Deiner selbst.“ Ich verstehe, was damit gemeint ist. Und trotzdem möchte ich inzwischen etwas anderes: nicht jeden Tag perfekter werden, sondern jeden Tag ein kleines Stück wahrhaftiger. Denn hinter der „besseren Version“ steckt schnell die Botschaft: So, wie Du heute bist, reicht es noch nicht.
Dabei darf beides wahr sein: Ich bin gut mit dem Menschen, der ich heute bin. Und ich bin neugierig auf den Menschen, der ich morgen sein werde. Selbstannahme bedeutet nicht Stillstand, und Wachstum bedeutet nicht, dass mit mir heute etwas nicht stimmt.
Ein Baum muss sich nicht optimieren
Es ist wie bei einem Baum. Im Frühjahr treibt er aus, bildet Blätter, blüht und trägt vielleicht Früchte. Im Herbst lässt er los. Im Winter steht er scheinbar still. Und irgendwann beginnt alles wieder von vorn.
Niemand würde vor diesem Baum stehen und sagen: „Du musst endlich eine bessere Version Deiner selbst werden.“ Der Baum ist in jedem Moment vollkommen Baum – und wächst trotzdem.
Davon dürfen wir uns etwas abschauen. Wir brauchen Wurzeln. Wir brauchen Zeiten des Wachstums und auch Zeiten, in denen scheinbar nichts passiert. Und wir dürfen immer wieder alte Blätter loslassen.
In das eigene SEIN wachsen
„Sei Du selbst“ bedeutet für mich heute etwas anderes als früher. Nicht: Finde heraus, wer Du bist – und bleib dann gefälligst so. Sondern: Hör Dir selbst immer wieder zu. Spüre, was noch zu Dir gehört und was nicht mehr. Erlaube Dir, Dich zu verändern. Hab den Mut, etwas loszulassen, und entdecke neue Seiten an Dir. Versuche, Dein äußeres Leben Stück für Stück mehr mit dem in Einklang zu bringen, was sich in Deinem Inneren wahr und stimmig anfühlt.
Das ist für mich der Weg in unser eigenes SEIN. Nicht irgendwo anzukommen, nicht irgendwann „fertig“ zu sein, sondern immer weniger von dem leben zu müssen, was wir glauben sein zu sollen – und immer mehr von dem leben zu dürfen, was wir wirklich sind.
Du musst nicht erst jemand anderes werden, um ganz Du selbst zu sein. Du darfst Du selbst sein – und trotzdem jeden Tag weiterwachsen. Vielleicht geht es beim „Sei Du selbst“ gar nicht darum, sich eines Tages vollständig gefunden zu haben, sondern darum, sich immer weniger zu verstecken.
Deshalb möchte ich Dir zum Schluss eine Frage mitgeben:
Wenn Du nicht besser werden müsstest, sondern einfach immer mehr Du selbst werden dürftest – was würde sich in Deinem Leben verändern?
Alles Liebe
Bernd







